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"Woher kommst Du wirklich?"

Über Ausgrenzung, die sich in Herkunftsfragen versteckt

Dass wir uns für die Geschichte anderer Menschen interessieren, ist ganz normal. Warum Fragen nach der Herkunft aber auch rassistische Denkmuster transportieren können, zeigt der dritte Teil unserer Reihe über Alltagsrassismus. In der Straßenbahn: Eine schwangere Frau kommt mit einer Mitfahrerin ins Gespräch. Nach ein bisschen Wettergeplauder fragt die fremde Frau unvermittelt "War das Kind eigentlich geplant?" Empört entgegnet die Schwangere: "Na hören Sie mal, das ist ja unverschämt! Das geht Sie ja wohl überhaupt nichts an!"

Dieselbe Straßenbahn, etwas weiter hinten: Ein älterer Herr spricht einen Jugendlichen an und erkundigt sich nach der richtigen Haltestelle. Der Junge antwortet ihm, die beiden unterhalten sich. Nach einer Weile fragt der Mann: "Und woher kommst Du? Also ich meine… so wirklich?" Der Junge kommt aus derselben Stadt wie der Mann. Er hat schwarze Haare, dunkle Augen und einen leicht dunklen Teint. Als der Junge sich irritiert abwendet, brummelt der Mann vor sich hin: "Also das gibt‘s ja nicht! Jetzt darf man nicht einmal mehr neugierig sein."

Zwei Alltagssituationen, zwei unterschiedliche Bewertungen. Im ersten Fall wären sich wohl die meisten einig: Es ist ziemlich unhöflich, einem fremden Menschen einfach so Fragen nach der Familienplanung zu stellen. Damit wird die Privatsphäre verletzt – es geht schließlich um sehr persönliche Dinge und man kann nie wissen, mit welchen Erfahrungen und Gefühlen das Thema für das Gegenüber verbunden ist. Der zweite Fall dürfte für viele hingegen weniger eindeutig sein: Einen fremden Jungen of Color nach seiner "wirklichen" Herkunft zu fragen, das verbuchen die meisten Menschen wohl einfach unter Neugier. Dabei steckt in dieser Frage – ob beabsichtigt oder nicht – so viel mehr als nur neutrales Interesse.

Warum Herkunftsfragen so schwierig sind

Um zu verstehen, warum die Frage nach der Herkunft eine ziemliche Grenzverletzung sein kann, hilft ein kleiner Test: Wem wird diese Frage wohl am häufigsten gestellt? "Weißen" Menschen, die sich noch nicht so gut kennen? Kann sein. Aber in diesem Fall gibt man sich häufig mit der ersten Antwort – Oranienburg, Braunschweig, Reutlingen... – zufrieden. Mit Zusätzen wie "wirklich" oder "eigentlich" wird die Frage fast ausschließlich migrantisch gelesenen Menschen gestellt. Damit sind Menschen gemeint, die anders aussehen als die weiße Mehrheitsgesellschaft oder z.B. einen "fremd" klingenden Namen haben. Menschen also, die in Deutschland leben und oft auch hier geboren sind, in deren Familie es aber höchstwahrscheinlich eine Migrationsgeschichte gibt. Dass solche Migrationsgeschichten nicht nur mit positiven Dingen wie Wünschen, Träumen und Zukunftshoffnungen einer Person oder Familie zu tun haben können, sondern auch mit Erfahrungen der Ausgrenzung und Flucht – das macht sie schon mal zu schlechten Themen für Smalltalk in der Straßenbahn. Der zweite und noch wichtigere Grund aber, warum man die Frage nach der "wirklichen" Herkunft nicht mehr stellen sollte, hat mit einem Phänomen zu tun, das man "Othering" ("Andersmachung") nennt.

Othering – wie Ausgrenzungen geschaffen werden

"Othering" bedeutet, dass jemand durch bestimmte Aussagen oder Verhaltensweisen zum "Anderen" gemacht wird. Durch Othering entsteht ein Unterschied zwischen einem "Wir", das als Normalfall angesehen wird, und einem "Ihr", das als Abweichung davon empfunden wird. Solche Unterscheidungen sind eines der Kernelemente rassistischen Denkens. Wird ein Mensch nach der "eigentlichen" Herkunft gefragt, dann wird damit unterschwellig gesagt, dass dieser Mensch aufgrund seiner (angenommenen) Migrationsgeschichte irgendwie anders sein muss und nicht wirklich im selben Land zu Hause sein kann wie der:die Fragende – es gibt ja schließlich neben der aktuellen noch eine "wirkliche" Heimat. Bei den Befragten kann dann schnell der Eindruck entstehen, dass man trotz allem irgendwie "unnormal" und fremd im eigenen Land ist. Die vermeintlich ganz neutrale Frage "Wo kommst Du wirklich her?" beinhaltet also immer auch ein bisschen die Aussage "Du gehörst hier nicht richtig dazu!"

Was Du tun kannst

Vielleicht hast Du es beim Lesen selbst gemerkt: Die Herkunftsfrage sorgt regelmäßig für starke Emotionen und Streit. Viele Menschen aus der "weißen" Mehrheitsgesellschaft sehen darin lediglich ein Zeichen von Interesse am Anderen und sind überrascht, wenn Ihnen rassistische Denkmuster vorgeworfen werden. Natürlich sind nicht alle, die diese Frage stellen, gleich Rassist:innen. Aber das ändert nichts daran, dass die Frage auf Zuordnungsmustern beruht ("Wir hier – Ihr dort"), aus denen Rassismus entsteht. Mit den folgenden Verhaltensweisen kannst Du dazu beitragen, den in Herkunftsfragen steckenden Alltagsrassismus zu vermeiden:

  • Verzichte auf die Frage "Wo kommst Du wirklich her?", auch wenn sie gut gemeint sein mag. Wenn jemand die eigene Migrations- oder Familiengeschichte mit Dir teilen möchte, wird er:sie das zu einem Zeitpunkt tun, der selbst gewählt und passend ist.
  • Sollten im Gespräch Fragen nach der Herkunft aufkommen und Dein Gegenüber antwortet zum Beispiel "Wiesbaden", gib' Dich damit zufrieden – so wie Du das vermutlich bei weißen Menschen tun würdest.
  • Reflektiere kritisch für Dich, warum Herkunftsfragen eigentlich so wichtig sind und denke über die damit verbundenen Schubladen nach, in die wir Menschen oft aufgrund einer bestimmten Herkunft stecken.
  • Wenn Dich Dein Gegenüber darauf aufmerksam macht, dass die Frage nach der Herkunft verletzend ist, reagiere nicht sofort empört, sondern versuche zuerst, die Sichtweise Deines Gegenübers zu verstehen und zu respektieren.

Autor:innen

Denise Carver ist Fachgebietsleiterin für Jugendpolitik und Integration bei der Hessischen Jugendfeuerwehr und Mitglied im Fachausschuss Jugendpolitik & Integration der DJF

Karsten Gäbler engagiert sich bei der Thüringer Jugendfeuerwehr im Fachbereich Jugendpolitik und ist Mitglied im Fachausschuss Jugendpolitik & Integration der DJF