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"Wir brauchen Dich mal für ein Foto"

Warum Alibi-Vielfalt ein Problem ist

Jugendfeuerwehr will vielfältig sein und das auch nach außen zeigen. Dabei kann es aber passieren, dass gerade dadurch Menschen diskriminiert werden. Am Beispiel des "Tokenismus" erklären wir im zweiten Teil unserer Reihe über Alltagsrassismus, was es mit Alibi-Vielfalt auf sich hat und warum es gar nicht so leicht ist, Vielfalt gut darzustellen.

Eine Jugendfeuerwehr feiert großen Geburtstag, 50 Jahre. Zur Festveranstaltung kommen Landrat und Bürgermeisterin. Natürlich ist auch die Presse da. Als der Lokalredakteur zum Foto bittet, werden noch drei Jugendliche gesucht. "Wo ist Thamir?" fragt der Jugendfeuerwehrwart, "Thamir soll da mit drauf!" Thamir ist 15 und seit drei Jahren bei der Jugendfeuerwehr. Er hat Zeltlager und Wettbewerbe mitgemacht – und muss auf so ziemlich jedes Foto. Thamir ist nämlich nicht nur Wassertruppführer beim BWB, sondern hat auch das, was man im Amtsdeutschen einen "Migrationshintergrund" nennt. Und weil seine Jugendfeuerwehr gern zeigt, wie vielfältig sie ist, heißt es ziemlich oft "Wo ist Thamir?"

Auch wenn es vielleicht nicht in jeder Jugendfeuerwehr einen Thamir gibt, sind Situationen wie diese gar nicht so selten. Der Junge im Rollstuhl, der immer wieder als Beispiel für gelungene Inklusion fotografiert wird oder die Kreisjugendwartin, die andauernd ihr Gesicht für den Frauenanteil in der Jugendfeuerwehr hergeben muss – solche Fälle von "Tokenismus" gibt es überall.

Was ist Tokenismus?

Mit dem Begriff "Tokenismus" wird das Problem der Alibi-Vielfalt bezeichnet. Das Phänomen wurde in den 1970er Jahren in den USA zum ersten Mal beobachtet. Damals haben wissenschaftliche Studien gezeigt, dass Unternehmen in klassischen Männerbranchen gezielt einzelne Frauen einstellen, um sich gegen den Vorwurf zu wappnen, Frauen hätten bei ihnen keine Chance oder es würde ein frauenfeindliches Klima in der Firma herrschen. Die eingestellten Frauen waren also vor allem aus Imagegründen im Unternehmen, nicht etwa wegen ihrer Fähigkeiten. Nach außen verkauften sich die Unternehmen als vielfältig und geschlechtergerecht, nach innen blieben die Strukturen aber weitestgehend beim Alten.

Strategie der Imagepflege durch vermeintliche Vielfalt findet heute in vielen Bereichen statt – auch da, wo es um Antirassismusarbeit geht. Firmen zeigen auf Werbeplakaten People of Color und demonstrieren damit, wie divers sie sind und dass Diskriminierung bei ihnen so gut wie ausgeschlossen ist. In Filmen bekommen Schwarze Schauspieler:innen Nebenrollen, damit der Anschein von Vielfalt geweckt wird (obwohl sie nur Sidekicks sind). Selbst im privaten Umfeld kann es Tokenismus geben, wenn manche Menschen z.B. behaupten, sie könnten gar nicht rassistisch sein, weil sie ja eine "Deutschtürkin" im Freundeskreis haben.

Warum ist Tokenismus eigentlich ein Problem?

Erst mal eine Sache vorweg: Es ist gut, dass Vielfalt in der Öffentlichkeit heute stärker sichtbar ist und dass nicht überall so getan wird, als ob es nur Menschen aus der "weißen" Mehrheitsgesellschaft gibt. Das gilt natürlich auch für die Jugendfeuerwehr. Thamir auf das Foto zu bitten ist also nicht grundsätzlich ein Problem. Zum Problem wird es, wenn Menschen durch Tokenismus instrumentalisiert und auf eine bestimmte Rolle reduziert werden.

Steht Thamir auf dem Bild für den Wassertruppführer, der sich für Musik interessiert, ziemlich gut Comics zeichnen kann und später gern eine Ausbildung zum Notfallsanitäter machen würde? Oder soll er die Jugendlichen mit "Migrationsgeschichte" in der Feuerwehr repräsentieren? Auch wenn sich das manchmal vielleicht schwer voneinander trennen lässt – ein bisschen mehr Achtsamkeit würde in manchen Situationen helfen, um unbeabsichtigte Diskriminierung zu vermeiden. Der Jugendfeuerwehrwart hätte sich zum Beispiel die Frage stellen können, ob es für Thamir eigentlich okay ist, immer etwas mehr im Scheinwerferlicht zu stehen als die anderen Jugendlichen. Oder ob Thamir genervt davon sein könnte, dass fast immer er gefragt wird, wenn jemand aus der Jugendfeuerwehr etwas zum Thema Rassismus sagen soll. Die eigentlich gute Absicht, Vielfalt in der Jugendfeuerwehr nach außen darzustellen, kann sich ins Gegenteil verkehren, wenn Menschen vor allem als Repräsentant:innen bestimmter Gruppen gesehen werden anstatt als Individuen mit ganz eigenen Talenten und Eigenschaften.

Was Du tun kannst

Tokenismus zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen ist nicht immer leicht – vor allem, weil zu Tokenismus ja oft Menschen beitragen, die besonders sensibel für Diversität sein wollen. Diskriminierung durch Alibi-Vielfalt lässt sich aber durch bestimmte Strategien und Handlungsweisen vermeiden:

  • Versuche, bei Außendarstellungen und Öffentlichkeitsarbeit die Vielfalt in Deiner Jugendfeuerwehr weder auszublenden noch besser darzustellen als sie in Wirklichkeit ist.
  • Setze Dich dafür ein, dass aus Alibi-Vielfalt richtige Vielfalt wird. Das kann z.B. damit beginnen, dass Du Dich nach Gründen fragst, warum Deine Jugendfeuerwehr noch nicht so vielfältig ist wie sie sein könnte, und gemeinsam mit Anderen etwas dagegen unternimmst.
  • Mache Menschen nur dann zu Ansprechpartner:innen für Rassismus und Vielfalt, weil Du weißt, dass sie sich mit dem Thema auskennen – nicht weil Du glaubst, dass sie aufgrund äußerer Merkmale automatisch Expert:innen für das Thema sind.
  • Respektiere es, wenn ein "Token" (also jemand wie Thamir, der die Vielfalt repräsentieren soll) auch mal "Nein" sagt und nicht auf ein Bild möchte. Manchmal fragen sich die Tokens nämlich, ob sie nur auf das Bild dürfen, weil sie ein besonderes optisches Merkmal haben, oder ob es um das geht, was sie wirklich sind und was sie können.

Autor:innen

Denise Carver ist Fachgebietsleiterin für Jugendpolitik und Integration bei der Hessischen Jugendfeuerwehr und Mitglied im Fachausschuss Jugendpolitik & Integration der DJF

Karsten Gäbler engagiert sich bei der Thüringer Jugendfeuerwehr im Fachbereich Jugendpolitik und ist Mitglied im Fachausschuss Jugendpolitik & Integration der DJF