Handlungsempfehlungen zur Stärkung der Kinder- und Jugendbeteiligung
Die Kinder- und Jugendfeuerwehren sollen Orte sein, an denen junge Menschen sich ausprobieren und Verantwortung übernehmen können. Laut unserer Jugendordnung setzen wir uns als Deutsche Jugendfeuerwehr zum Ziel, „junge Menschen zur Selbstbestimmung zu befähigen und die Vertretung ihrer Interessen durch demokratische Teilhabe zu fördern“. Kinder- und Jugendbeteiligung ist deshalb kein Extra, das man verwirklichen kann oder auch nicht, sondern gehört zu den Kernaufgaben der Kinder- und Jugendfeuerwehren!
Was bedeutet Kinder- und Jugendbeteiligung?
Junge Menschen haben ein Recht darauf, ihre Feuerwehr mitzugestalten und durch die Kinder- und Jugendfeuerwehren ihre Interessen nach außen zu vertreten. Dies wird u. a. durch die UN-Kinderrechtskonvention und das achte Sozialgesetzbuch garantiert. Wird dieses Recht ernst genommen, muss Beteiligung mehr als formale Strukturen umfassen – es geht um eine auf allen Ebenen gelebte Beteiligungskultur. Das bedeutet insbesondere:
- dass Kinder und Jugendliche von den Erwachsenen dazu ermutigt werden, ihre Meinung zu äußern (unabhängig davon, ob sie ein Amt innehaben oder nicht);
- dass die Positionen junger Menschen genauso ernst genommen werden wie die Erwachsener;
- dass unterschiedliche Standpunkte und Meinungsvielfalt als ganz normal angesehen und Auseinandersetzungen auf Augenhöhe ausgetragen werden;
- dass Vorurteile darüber, wie „die“ Jugendlichen oder „die“ Erwachsenen sind, reflektiert und abgebaut werden;
- dass auch das Recht der Kinder und Jugendlichen, sich nicht zu beteiligen, anerkannt wird;
- dass die Qualität der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen beständig hinterfragt und verbessert wird.
Wo stehen wir?
Als Jugendverband sind wir demokratisch aufgestellt. Auf fast allen Ebenen werden wichtige Funktionen gewählt und es gibt ein System von Gremien und Sprecher/-innen, das Meinungsäußerung und Mitbestimmung ermöglichen soll. Unsere formalen Strukturen sind das zentrale Mittel, durch das Kinder- und Jugendbeteiligung in den Feuerwehren verwirklicht wird. Dennoch haben viele junge Menschen den Eindruck, dass wir trotz der vorhandenen Strukturen an vielen Stellen noch weit von einer echten Beteiligungskultur entfernt sind.
Gründe für diesen Eindruck sind unter anderem:
- dass Kinder- und Jugendbeteiligung bei vielen Verantwortungsträgerinnen und -trägern mit der bloßen Existenz von Sprecherinnen und Sprechern und Jugendforen als „erledigt“ gilt;
- dass Entscheidungen über Kinder- und Jugendfeuerwehren oft in Gremien getroffen werden, in denen junge Menschen nicht effektiv mitentscheiden können;
- dass Betreuer/-innen oft das Wissen über Beteiligungsrechte und das Methodenwissen zu Beteiligungsformaten fehlt;
- dass Kinder und Jugendliche wichtige Informationen oft nicht (oder zu spät) erhalten;
- dass manche Betreuer/-innen Schwierigkeiten haben, sich auf neue Ideen einzulassen und Vorschläge von Kindern und Jugendlichen blockieren;
- dass das Wissen und die Ideen junger Menschen nicht überall ernst genommen werden und sie als „Erwachsene zweiter Klasse“ behandelt werden;
- dass starre Karrierewege und lange Amtszeiten junge Menschen immer stärker davon abhalten, in der Feuerwehr Verantwortung zu übernehmen bzw. Führungspositionen für junge Menschen unerreichbar machen.
Was muss getan werden?
Um eine echte Beteiligung junger Menschen zu unterstützen und die Kinder- und Jugendfeuerwehren weiter zu demokratisieren, schlagen wir folgende Maßnahmen vor:
Kompetenzaufbau
- Ausweitung des Themas Kinder- und Jugendbeteiligung in der Ausbildung von Betreuenden;
- Weiterbildung von Führungskräften in den Feuerwehren zum Thema Kinder- und Jugendbeteiligung;
- Durchführung von Fachtagen zum Thema Kinder- und Jugendbeteiligung;
- Entwicklung von Handreichungen und Lehrmitteln zum Thema Kinder- und Jugendbeteiligung.
Kommunikation und Transparenz
- Entwicklung kind- bzw. jugendgerechter Informationsmaterialien über Mitbestimmungsrechte und -möglichkeiten in den Feuerwehren;
- Entwicklung von Informationsmaterialien über Mitbestimmungsrechte und -möglichkeiten junger Menschen für Betreuer/-innen;
- Entwicklung von „Onboarding“-Prozessen für Kinder und Jugendliche, die ein neues Amt übernehmen (u. a. Aufklärung über Rechte und Pflichten, Feedbackgespräche, Begleitung und Unterstützung);
- Sensibilisierung aller Verantwortungsträger/-innen für die Notwendigkeit verlässlicher Kommunikationswege und zügiger, umfassender Information der Kinder und Jugendlichen;
- Stärkung der Öffentlichkeitsarbeit zu Prozessen der verbandlichen Mitbestimmung.
Formale Strukturen
- Sicherstellung des flächendeckenden Bestehens von Jugendforen und Jugendsprecherinnen und -sprechern;
- Ausstattung der Jugendforen mit einem eigenen Budget, über dessen Verwendung die Mitglieder selbst entscheiden können;
- Verankerung der Kinder- und Jugendbeteiligung in Satzungen und Ordnungen;
- Ausweitung der Mitspracherechte von Jugendsprecherinnen und -sprechern in Vorständen (z. B. Erhöhung der Anzahl stimmberechtigter Jugendlicher);
- Ausweitung von Möglichkeiten des kurzzeitigen Engagements von Kindern und Jugendlichen (z. B. Projektgruppenleitung);
- Förderung engagierter junger Menschen in verbandlichen Ämtern (z. B. durch Mentoring-Programme und Qualifizierungsangebote);
- Schaffung von Wegen zum Überspringen verbandlicher Ebenen für begabte und engagierte junge Menschen.
Evaluation und Qualitätssicherung
- Regelmäßige Erhebung des Stands der Kinder- und Jugendbeteiligung im jeweiligen Verantwortungsbereich gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen (z. B. Durchführung von Befragungen);
- Einholen externer Expertise zur Bewertung der Kinderund Jugendbeteiligung im jeweiligen Verantwortungsbereich (z. B. durch Jugendringe);
- Überprüfung bestehender Lehrmaterialien und Ausbildungseinheiten zum Thema Kinder- und Jugendbeteiligung auf Aktualität und Attraktivität;
- Nutzung von Social Media zur Durchführung von Befragungen junger Menschen zu speziellen Themen.
Sichtbarkeit und Wertschätzung
- Erhöhung der Sichtbarkeit junger Menschen in der verbandlichen Öffentlichkeit (z. B. Übernahme von Tagesordnungspunkten/Moderation bei Verbandsversammlungen durch Jugendliche);
- Bewerbung von Praxisbeispielen gelungener Kinder- und Jugendbeteiligung (z. B. Social Media Stories, Newsletter-Beiträge);
- Berücksichtigung des Engagements für Kinder- und Jugendbeteiligung bei der Auszeichnung von Verantwortungsträgerinnen und -trägern;
- Einrichtung von Auszeichnungen und Preisen für besonderes Engagement im Bereich Kinder- und Jugendbeteiligung (für Erwachsene und junge Menschen).
Diese Vorschläge sind selbstverständlich nicht abschließend, Kinder- und Jugendbeteiligung bleibt eine permanente Aufgabe, die immer wieder neue Lösungen erfordert. Die Maßnahmen können aber einen Anstoß geben, Beteiligung in den Kinder- und Jugendfeuerwehren zu verbessern.
Fachausschuss Jugendpolitik & Integration und Bundesjugendforum